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Nachdem mein Schrubberbericht so euphorischen Zuspruch fand hier weitere Tanzgeschichten aus dem Alltag einer Brasilianerin. Sie heißt Sandra, ich schreibe das mal so, wie das gesprochen wir, also nasal und dann Sahhhhhhhhhhhhhndra. Das H schön durch die Nase ziehen lassen.

Sie ist gerade dabei ein Appartement in Praia do Encanto zu reinigen, nachdem die Handwerker drin waren. Handwerker nehmen auch in Brasilien wenig Rücksicht auf das was nach ihnen kommt. Den Strand der Verzauberung, was Praia do Encanto übersetzt heißt, kennt ich schon von den Sonnenaufgängen, die ich in den blog stelle.

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Also Sandra zieht erst mal ihre Flip Flops aus zum Putzen und geht durch zum Bad, Banheiro. Sie hat sich ein paar gebrauchte Plastikgefäße von Spülmittel oder Öl zurecht geschnitten, die sie zum Wasserschöpfen benützt. Das Waschbecken hat schon lange keinen Stöpsel mehr, da stopft sie den Putzschwamm in den Abfluss rein, was dazu führt, dass das Waschbecken jetzt das einlaufende Wasser hält und überhaupt erst geschöpft werden kann. Also dieser Wasserhahn läuft und gleichzeitig der vom Bidetschlauch, also ein Bidet gibt es nicht, nur den Schlauch mit dem Drücker vorne dran, rechts neben dem Clo.

Das Wasser vom Bidetschlauch läuft in einen größeren Eimer, auch recycled. Während dessen verteilt Sandra, wie eine Tänzerin Blumen auf die Bühne streuen würde, rundherum eine nach Chlor riechende Flüssigkeit aus einer Plastikflasche auf den Fließen um sich und beginnt mit ihrem Besen, der aus Piasavapalmen gemacht wurde die Wände zu schrubben. Der Besen hat einen langen Stil und ihre Bewegungen sind geschickt wie bei einem Stabtanz der Hirtenvölker.

Besen sind in Bahia mehr Pinsel. Der Boden wird gepinselt. Ich denke darüber nach, welchen Unterschied das macht, bei einem breiten Besen schieben wir den Dreck vor uns her. Beim Pinseln sehe ich die Ölfarben einer Malerin und wie sie auf der Leinwand verteilt werden. Bunt auf jeden Fall und weniger ein Wegschieben als ein Verteilen, es soll ja auch was bleiben von der Farbe auf der Leinwand und nicht am Schluss alles weg sein.

Diese groben Piasavapinsel fordern sehr besondere Bewegungen, die ich noch nicht richtig kann. Je nach Druck und Rotation nimmt der Piasavapinsel mehr oder weniger Dreck weg. Vor allem bei glatten glänzenden Fließenböden finde ich es eine stattliche Leistung, die damit sauber zu bekommen.

Da trifft eine uralte Technik aus Afrika auf modernes Baumaterial. Wenn ich mich erinnere, als Kind, die Betonböden in der Werkstatt meines Vaters, die ich da gekehrt habe, da ging auch nie alles ab, es blieb so eine feine Staubschicht, das war gewollt, auch wenn ich über gestampften Lehm kehrte, war es gewollt, dass da am Schluss noch Lehm war.

Ja, mein Körpergedächtnis kennt das mit dem Lehm, aber woher, ich lebte nie in Afrika, wo es noch Häuser mit Lehmboden gibt, meine Großmutter ist in einem Haus mit Lehmboden aufgewachsen … ich glaube, ich habe Lehmböden auf den alten Speichern im Westerwald erlebt, die ich umbaute, manchmal ist das Körpergedächtnis schon sehr schlau. Nun bin ich in einer kleinen Geschichte der Bodenbeläge gelandet.

Für die Bewegung sind Bodenbeläge äußerst wichtig, nicht nur von der Nachgiebigkeit her für die Gelenke sondern eben auch für die Tanzbewegungen bei der Reinigung. Sandra tanzt noch immer im Bad des Appartements in Praia do Encanto. Sie hat die Duschkabine geschrubbt, innen und außen und die Wände und nebenher immer wieder einen Eimer mit Wasser gegen die Fließen, nun fehlt mir das Wort. Geklatscht ist es nicht, das hätte zu sehr gespritzt, gekippt ist es auch nicht, denn einfach runter gelaufen ist das Wasser nicht. Die Rheinländer würden sagen: Mit Schmackes.

Das ist ein zu erlernende Bewegung, die gar nicht so einfach ist. Sie reinigt spritzt aber nicht. Sandra beherrscht diese Kunst. Ich sage ihr, dass ich meinen Fotoapparat hole und sie wiederholt geduldig und verwundert ihren letzten Arbeitsgang nochmal für mich. Eigentlich will sie ja schick aussehen auf so einem Foto. Sie ist eine schöne Brasilianerin, die sich gerne gut anzieht und schmückt. Das geht ja jetzt alles gar nicht. Dafür ein bezauberndes Lächeln. Esse Touristas. Diese Touristen.

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Nun geht es weiter, auch der Marmorwaschtisch wird mit dem Pinsel mit seinem überlangen Stil bearbeitet und dann der Fußboden, der in der Zwischenzeit völlig nass und schlippery ist. Wasser und Putzmittel stehen zentimeterhoch auf den Fließen. Die Berufsgenossenschaft in Deutschland würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Sandra gleitet sozusagen über den Wasserspiegel, aquaplaning und schiebt mit dem Besen die ganze Schoose Richtung Ablauf in einer Ecke neben dem Clo. Spült noch ein-, zweimal nach und dann fertig.

Es ist warm und das Bad wird sich bald von dieser Behandlung erholt haben und wundervoll duftend den neuen Gästen zur Verfügung stehen. Unter das letzte Spülwasser wurde noch eine brasilianische Duftmischung für Fußböden eigens kreier, blass lila, gemischt. Jetzt kommt noch der große Raum dran. Darin findet sich ein Doppelbett und ein normales Bett, auf der Seite stehend und ein Nachttisch. Dazu viele Speißreste von den Handwerkern.

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Sandra kehrt erst mal mit dem Pinsel alles aus der Türe hinaus auf die gefließte Terrasse. Sand und zusammen geklumpte Speißreste. Dann schüttet sie großzügig aber geschickt Wasser aus ihrem Eimer in den Raum und schrubbt das Wasser vor sich her treibend alles mal kräftig durch. Die Möbel? Werden geschoben und gerückt, so dass darunter auch sauber gemacht werden kann. Eine Ladung Dreckwasser ergießt sich jetzt aus dem Raum auf das bereits vor die Tür gekehrte. Die nächste Runde Wasser und Pinsel und dann ist das gut. Zum Schluss noch der Schieber, der das Restwasser weg nimmt. Die Betten bleiben so gekippt und alles kann jetzt erst mal trocknen.

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Sandra kehrt die Terrasse, in dem sie den ganzen Dreck vor sich her treibt in einer Welle von Wasser und Putzmittel und irgendwie verteilt sich das dann vor der Terrasse. Kehrblech und Besen haben sie hier nicht. Während ich schreibe spüre ich die Dynamik die sich zwischen dem Körper der Tänzerin, den Wänden und Böden und dem Pinsel ergibt und wie das Wasser einen Höhepunkt setzt der nicht zu toppen ist.

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Ich bedauere es zu tiefst, dass ich nicht in so einem Land leben, wo eine Durchschnittstemperatur von 25 Grad herrscht. Diese Putztechnik ist Freude, ist Wirbeln, ist Tanz. Es ist nicht unbedingt notwendig, dass die Wohnung ebenerdig ist. Auch ein Balkon leistet gute Dienste das Wasser abzuleiten und Treppen werden ebenso geflutet und zu Wasserkaskaden umgewandelt im Dienste der Schönheit und Reinheit und nicht zuletzt erfährt der Körper während dem Putzen immer wieder eine kleine Zuwendung an Pflege. Paradiesisch. Viva Brasil. G.F.