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Am 9. Juni findet sich ein Eintrag in diesem Blog mit Bild zur Perforamnce „Ich stehe am Anfang“ von Gudrun Tandler zu ihrer Soloperformance nach drei Jahren Dancing Dialogue. Einem Performancezyclus der mit dieser Performance begonnen hat. Weitere Performances werden folgen. Ich bewege mich mit „Ich stehe am Anfang“ den nächsten Monat über weiter und schreibe G.T. über meine Eindrücke als Zuschauerin. Da öffnen sich tiefenpsychologische Räume ebenso wie Hirnforschungszentren :)) und es tun sich Fragen auf, über die Abhängigkeit von Bewegung. Sind es die Gefühle die uns bewegen oder was lässt uns vor dem Säbelzahntiger davon rennen? Was lässt unser Blut in den Adern stocken? Wer stellt sich dem freien Fluss unserer Lebensenergie in den Weg?

liebe Gudrun,
ich denke an Deine Performance und denke an die Fotos, die Bilder an der Wand, unsortiert, sie sind unlösbar mit Deinem Tanz für mich verbunden. Sie sind Wegbegleiter, die ich bei dir zu hause an den Wänden gesehen habe, sie sind um Dich und vielleicht ein Teil von Dir, der sich nach außen zeigt … jedenfalls sind sie wichtig für die Performance und ich denke: weiter so, wo ist das Kostüm? wo die Musik? die Melodie des Anfangs?

Kann es diese Bilder am ANFANG geben? Ja, ich denke sie sind wie die Gene, wie die Plazenta, wie der Nährboden Deines Tanzes und was wäre, wenn die Bilder sich wandeln? Im Tanz ist nichts unmöglich. Ich denke an die Tanzplätze die die Pwerle Schwestern malen und malten, sie sind ja schon alte Aboriginefrauen, die ihr Dreaming malen … sind die Bilder von Dir an der Wand ein Dreaming? Nein, vielleicht die Landschaften, die Bäume, die Du zeigst, aber die Iphigenie auf Tauris? Käthe Kollwitz? … was unterscheidet ein Dreaming von einer Iphigenie auf Tauris? Sie ist ein Trauma, kein Dreaming? Ein Dreaming öffnet Räume in dem sich das Trauma lösen kann?

Die afrikanische Skulptur aus Deinem Palmenzimmer, der Engel von Barlach? Käthe Kollwitz: Mit den Armen um die Kinder geschlungen sucht die Mutter selbst Halt im erstarrenden Entsetzen … Gefühle …

Es ist interessant für mich da weiter zu denken, ich denke an die Gehirnforschung und dass die Gefühle in einer ganz anderen Entwicklungsgeschichte des Gehirns angesiedelt sind als die Pflanzen- und Tierwelt, die im Dreaming der Jagd- und Sammelkultur zum Tragen kommen. Das ist ungeordnet, verdichtet sich aber sobald ich an Bewegung denke.

Die Bewegung der Gefühle ist eine andere als die eines Krokodils, eines Kranichs, eines Fuchses … erst sehr viel später in der Menschheitsgeschichte haben wir den Tieren menschliche Eigenschaften verliehen, Isegrim und Reinecke Fuchs, der Angsthase und die lahme Schnecke, der Tanzbär und die dumme Sau, die blöde Kuh und das Opferlamm, das führt uns in die Zeit der Hirten in denen sich die Hochreligionen entwickelt haben mit ihrer Polarisierung von Gut und Böse.

Gehirnforschung, Anthropologie, Entwicklungspsychologie da breitet sich Deine Bewegung aus, dahin führen mich Deine Bühnenbilder, diese Räume öffnen sich, verbinden sich, was in der Realität schwer fällt wird hier zum Kinderspiel … „Kommt tanz‘ mit mir“ ruft Trudi Schoop, eine Pionierin der Tanztherapie.

Das Krokodil, das Reptiliengehirn, Angriff oder Flucht und wenn nichts mehr geht Erstarrung, da lese ich gerade wie die Ringelnattern eine scheintote Schlange vortäuschen in der Erstarrung, mit Blut und Schleim, die sie absondern um nicht gefressen zu werden. Erstarrung als Überlebensstrategie … Leben oder Tod … es sperren sich mir die bezahnten Mäuler riesiger Krokodile in einem Billabong in Australien auf, die wir auf unseren Tanzreisen in der Sonne baden gesehen haben.

Reichs Bewegungsanalyse basiert auf öffnen und schließen. Das Maul des Krokodils. Die Fische schwimmen in das offene Maul. Dann schließt es das Krokodil wieder und schon fertig. So entspannt kann jagen sein.

Und dann die Angst von Menschen, die entsteht, wenn wir nicht davonlaufen oder angreifen können, Angst bis zur Lähmung, zur Erstarrung*. Gefühle, die bewegt werden wollen. Gefühle sind vielleicht eine entwickelte Form von Lebensenergie … ich meine das nicht hierarchisch sondern zeitlich … Gefühle haben Bewegungen, erstarrt eines kommen alle zum Erstarren. Machen Gefühle das Menschsein aus? Trauer, Angst, Freude, Lust … öffnen oder schließen? Sofort können wir die Gefühle einer der zwei Bewegungen zuordnen.

Lähmung und Erstarrung bei einer Schlange sind nicht Folge von Angst, sind sie es bei uns? Setzt ein Gefühl die Blockade im Gewebe oder entsteht die Blockade aus der Behinderung der Lebensenergie ohne dass da Gefühle mit im Spiel wären? Wann kommen die Gefühle ins Spiel?

Gefühle: Die meisten Morde geschehen innerhalb der Familien. Hass, Neid, Eifersucht. Das erschreckt mich. Auch Menschsein braucht Entwicklung. Da bin ich bei Ghandi und bei der Iphigenie auf Tauris. Kain und Abel stehen am Anfang der Entwicklungsgeschichte der Bibel, nicht zeitlich aber geistig. Wie geht Mensch sein? Was ist Natur und wo beginnt Kultur? Wohin entwickeln wir uns, wenn das der Anfang ist, was Du getanzt hast Gudrun? Ein Öffnen und Schließen.

Die toten Kinder, der Berg, der Quell, der Fluss in Deinem Tanz… da kommt das Dreaming daher auf leisen Sohlen und nimmt sie auf die Menschen mit ihren Gefühlen und dem Chaos in das sie sich stürzen. Da sind die Berge des Schildkrötendreamings an denen wir angehalten haben auf dem Weg nach Arnhemland. Sie begrüßten uns im zerstörten Paradies der Aborigines des Northern Terretories. Ja, auch Berge kann Mensch zerstören. Die Berge des Schildkrötendreamings stehen noch als Wächter und Empfangskommite. Eintritt in ein anderes Denken, in eine andere Welt. Ein Anfang.

Soviel für heute in Vorfreude auf die weiteren Tänze Deines Tanzzyklus zum Anfang. G.F.

P.S. Ich würde gerne da weiter denken, wo sich die Gefühle entwickelt haben und wir den einfachen Mechanismus von Öffnen und Schließen, von Angriff und Flucht und Erstarrung verlassen haben, wo die Gefühle uns so verwurschteln, so anbinden, festbinden, dass wir nicht mehr unsere Lebensenergie folgen sondern auf dem Schiff stehen wie der Kapitän, der bereit ist mit ihm unter zu gehen. Welche Reederei in uns setzt diese Moral?